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Umwelt, Futter und Leistung selber denken

Diese Anfang der 1950er Jahre vom Donaueschinger Institut für Höhenlandwirtschaft formulierten Zusammenhänge sind weder im soeben vorgelegten Abschlussbericht der Berliner Zukunftskommission Landwirtschaft, noch in den jüngsten Beschlüssen zur EU-Agrarreform zu finden. Was als  Systemwechsel und Umbau der Landwirtschaft verkauft wird, sind Reparaturen am alten System mit neuen Namen wie Tierwohl oder Klimaschutz. Die Aussagen der obigen Darstellung scheinen trotz Klimaaktivismus noch nicht in der Politik angekommen zu sein. Die Darstellung stammt aus dem Bestseller von 1996 „Faktor 4 – Doppelter Wohlstand – halbierter Energieverbrauch“ des ehemaligen Co-Präsidenten des Club of Rom, Ernst U. von Weizsäcker. Immo Lünzer hatte die Grundlagen 1979 errechnet, dass die Intensiv-Landwirtschaft mehr Kalorien Energie verbraucht als sie als Kalorien Lebensmittel erzeugt, während extensive Milch- und Fleischerzeugung auf Grasland eine positive Energiebilanz haben, wie auch Kartoffeln oder Mais, wenn sie direkt zu unserer Ernährung dienen.

Zum ähnlichen Ergebnis kommt die kürzlich erschienene Studie über die Chancen der Landwirtschaft in den Alpenländern, die kaum erwähnt wird. Unsere Zusammenfassung ist nachzulesen unter: Chancen der Berglandwirtschaft – Forumproschwarzwaldbauern

Wer hat Interesse daran, dass solche Erkenntnisse verdrängt werden?     

Nach drei Dürresommern und dem chaotischen Wetter in diesem Frühsommer müssten die Lehrbücher über Grünland neu geschrieben werden, weil die ungewöhnliche Hitze wie Starkregen die lehrbuchmäßige Bestandszusammensetzung des Grünlandes verschieben. Die als wichtig beschriebenen Arten wachsen nur bei feuchtkühler Witterung und Tagestemperaturen zwischen 17 und 22 Grad gut, aber auch nicht bei wassergesättigten Böden, weil dann dem Bodenleben die Luft fehlt. Was wir mit zunehmender Höhenlage schon immer spürten, verschiebt sich mit der Klimaerwärmung gänzlich. Doch die Lehrmeinung in Magazinen und in der Agrarpolitik hält an den Thesen der Intensivierung fest im Sinne unseres Wirtschaftssystems, dessen  Maßstab das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist. Denn wenn das BIP nicht wächst, wie aktuell durch Corona, herrscht politische Krisenstimmung, weil Arbeitsplätze und damit das alte System gefährdet sind.  Aus dieser Sicht lässt die obige Darstellung leicht erahnen, dass die herkömmliche Intensiv-Wirtschaft durch ihren Input von Futtermitteln, Dünger, Technik, Ställen und Gewächshäuern zum Wachstum des BIP beiträgt und deshalb vom Staat deshalb gefördert wird. Die Extensiv-Wirtschaft, besser Low-Input genannt, dagegen nicht, trotz ihrer positiven Energiebilanz im Sinne  der Klimagerechtigkeit. Weshalb uns via Werbung, auch in der ökologischen Landwirtschaft, ständig neue Wunder (Betriebs) -Mittel angeboten werden, als neues (Grünes) Geschäftsmodell, nur damit das BIP wächst.

Warum steht die Kuh auf Gras noch nicht in der Reihe nachwachsender Energien?

Der französische Weideforscher Andre Pflimlin hat diese Frage mit praktischen Bildern erklärt: Die Kuh auf Grasland habe ein eigenes Frontmähwerk, einen eingebauten Futtermischer und hinten einen Gülleverteiler. Mit ihr ist also kein Geschäft zu machen, außer mit ihren Bildern auf der Verpackung.  Damit werden die Folgen der uns beherrschenden Intensiv-Wirtschaft vertuscht, deren höhere Leistung zwar geringere Kosten je Liter Milch bedeute. Weil sie aber Futter mit höherer Energiedichte wie Silomais vom Acker braucht, wandert die Kuh vom Grasland ab und wird zum Klimakiller. Die kritische Tierärztin Anita Idel hat diese Entwicklung hinterfragt und die Zusammenhänge von Umwelt, Futter und Leistung aufgedeckt. Durch das Leistungsdenken stehen diese Zusammenhänge auf dem Kopf und ihr natürliches Potential wird nicht erkannt, wie sie uns beim Aschermittwochsgespräch 2018 erklärt hat:   https://forumproschwarzwaldbauern.de/grasland-hat-das-potential-fuer-den-kulturwandel/

Wie können wir das Verhältnis von Umwelt, Futter und Leistung selbst wieder vom Kopf auf die Füße stellen?

Trotz allgemein sinkender Rinderzahlen ist nicht zu übersehen, wie das intensiv (= häufig) genutzte Grünland artenärmer und dürreanfälliger wird, aber auch das extensiv genannte Grünland, trotz Schutz oder ökologischer Bewirtschaftung nicht blumenbunter und artenreicher wird. Wer noch Viehherden auf den Weiden betrachtet, kann nicht übersehen,  dass sie zwar nach Farben und Farbzeichnungen bunter geworden sind, aber bodenständige (standortangepasste) Typen seltener werden. Das österreichische Bäuerinnenkabarett nennt beschreibt diese modernen Kühe in einem Akt zynisch als zu groß, weil sie den Kopf zum Weiden nicht mehr auf den Boden bringen. Um also Gras und Kuh wieder zusammen zu bringen, sollten wir statt auf die Politik zu hoffen und uns nach ihren Richtlinien zu richten, selber auf unseren Höfen Umwelt, Futter und Lesung optimieren, wie es der normannische Weideforscher Andre Voisin schon vor 70 Jahren empfohlen hat, um mit weniger Input weniger abhängig zu werden. Dazu haben wir einige Möglichkeiten:

  1. Das Verhältnis von Grünland und Kühen optimieren. Als Maßstab dazu eignen sich weder politisch diskutierte pauschale Viehbesatzgrenzen in GV je ha, noch die Milchleistungen pro Kuh. Es genügt eine einfache Hoftorbilanz, die Input und Output des Hofes an Mineralstoffen vergleicht.  Denn sowohl Überschüsse an Mineralstoffen (in der Regel über Futterzukauf)  wie dauernde Mängel machen das Grasland instabil.
  2. In der Rinderzucht Bullen nach Fitnes und Lebensleistung der Vorfahren [Haiger] auswählen.  Denn die einseitige Selektion nach Milchwerten drängt die Kuh vom Grasland.  
  3. Grünland standortangepasst differenziert nutzen. Die heutige technische Schlagkraft  (insbesondere in Verbindung mit Fahrsilos) macht zwar eine schnelle Nutzung und Düngung möglich, aber lässt die Vegetationsunterschiede von ca. zwei Wochen zwischen Sommerhängen, Schattenseiten und moorigen Talauen übersehen. Deshalb sollte die Nutzung an den Leitgräsern der unterschiedlichen Standorte orientiert werden, damit das Grasland stabil bleibt .
  4. Dem Grünland weniger Bodendruck zumuten durch weniger Überfahrten und leichtere Maschinen. Denn Bodendruck stört das natürliche Bodenleben und damit die Speicherfähigkeit von Wasser und Nährstoffen.
  5. Weiden ungepflegt aussehen lassen. Denn nur wenn Weidereste toleriert werden, können Tiere selektieren und von der Weide satt werden. Zudem sind Weidereste Reserven für Dürretage.
  6. Jeder Hof muss sein passendes Weidemanagement entwickeln.  Denn Standardrezepte wie Kurzrasenweide, Umtriebsweide oder Mähweide scheitern immer wieder an der Flächengestaltung des Hofes und an seinen Gewohnheiten.
  7. Die Weiden tiergerecht gestalten! Denn Tiere fühlen sich auf der Weide wohl, wenn sie neben genug Futter, auch frisches Wasser, Salz und Schatten finden.
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