Umwelt, Futter und Leistung

Mit diesem Titel veröffentliche Anfang der 1950er Jahre das damalige Institut für Höhenlandwirtschaft in Donaueschingen Beratungsunterlagen. Wir folgen diesem Zusammenhang wieder, weil Umwelt, Futter und Leistung vom arbeitsteiligen und spezialisierten Denken entkoppelt worden sind. Weil in den Berg- und benachteiligten Gebieten die Umwelt in Form des Boden und immer häufiger Klima und Wetter das moderne standardisierte Leistungsdenken infrage stellen. Deshalb haben wir uns am 9. April auf dem hinteren Hirzbauernhof in Brigach zu einem Weidegespräch getroffen, um sich ein Bild zu machen, ob und wie sich Weiden und Wiesen nach dem Hitzesommer 2018  erholen. Aber auch, um in der wirren Klimadebatte die Rolle dem  idyllischen Wunschdenken klare Argumente aus der Landwirtschaft entgegenzustellen. Dazu hatte die kritische Tierärztin Anita Idel beim Aschermittwochsgespräch Denkanstöße gegeben,  die die politischen Thesen von der Offenhaltung der Landschaft als überholt erklären. Denn obwohl Grünland unter der Klimaerwärmung mit zunehmenden Trockenheiten auch leidet, ist es weltweit neben den Mooren der größte Kohlenstoffspeicher. Diese Rolle zu verstehen und zu aktivieren ist die Herausforderung.

Weide

Grünland ist praktische Ökologie

Beim Rundgang offenbarte sich die Regenerationskraft des Grünlandes. Zwar haben die vielen Nachtfröste in den letzten Wochen das Wachstum bisher gebremst. Doch die in der Trockenheit als abgestorben geglaubten Gräser treiben wieder aus und können die Lücken füllen. Vor allem auf ganzjährig beweidetem  Grünland sind kaum Lücken zu sehen. Was die Kernthese von Anita Idel beweist, dass der Biss der Weidetiere einen Wachstumsimpuls auslöst, der die Gräser zur Bildung neuer Triebe anregt und die Weidenarbe dicht macht. Dieser Impuls gilt es durch frühe Vorweide zu nutzen, was aus der früheren Praxis in der Schweiz von Bosshard bestätigt wird. Das Entscheidende geschieht jedoch unter der grünen Pflanzendecke im Boden. Mit jedem Austrieb bilden Gräser neue Wurzeln und aus den alten absterbenden Wurzeln entsteht Humus, der Wasser, Nährstoffe und Kohlenstoff speichert. Diese klimaentlastende Wirkung der Humusbildung wird aber vor allem durch den Bodendruck vom häufigen Überfahren mit schweren Maschinen gestört, wodurch tiefwurzelnde Kräuter gefördert werden. Bei den zunehmenden und schwer vorhersagbaren Wetterunbilden wird dieses Bewusstsein wichtiger, um witterungsbedingte Ertragseinbußen nicht durch zusätzliche Reparaturaufwendungen am Ökosystem Grünland noch zu verstärken. Zumal es für entscheidenden ökologischen Vorgänge im Lebensraum der Wurzeln  keine technischen Lösungen gibt, Deshalb wollen wir die Thesen der Biopioniere wieder entdecken.

Weideführung ist eine Kunst

Die nachhaltige Weideführung, wie sie Anita Idel fordert, stand im Mittelpunkt des weiteren Gesprächs. Patentrezepte und gar Richtlinien kann es dafür nicht geben, weil der Graswuchs von Höhenlage und Kleinklima abhängt und deshalb auf jedem Hof seine eigene Dynamik hat. Vor allem hat es sich immer wieder als wenig erfolgreich gezeigt, Methoden aus Gunstlagen für den Graswuchs, wie in Irland, an der Nordsee oder am Alpenrand in die Berglagen des Schwarzwaldes übertragen zu wollen.  Weideführung ist vielmehr die Kunst des einzelnen Bauern, den Graswuchs an seinem Standort  mit den Weidetieren ständig zu optimieren. Umwelt, Futter und Leistung als Einheit zu sehen. Die Orientierung dazu bietet die Natur selbst. So ist der Beginn der Kirschblüte das Signal für den Weideaustrieb. Mit dieser natürlichen Dynamik des Grünlandes wollen wir uns beim nächsten Weidegespräch Anfang Mai in wieder auseinandersetzen.

Hier die dazu verteilten Folien: Folien_Weidegespräch_9.04.19