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Teller, Trog oder Tank?

Diese aktuelle agrarpolitische Streitfrage ist eine Folge des Krieges in der europäischen Kornkammer Ukraine. Denn die Getreidepreisentwicklung am Weltmarkt macht Angst vor der Ernährungssicherung. Diese Angst hat sich hierzulande mit der Tierwohlideologie vermischt, statt zu fragen, warum denn Getreide im Futtertrog landet oder zu Biosprit vergärt oder verbrannt wird. Sie übersieht, dass Kühe, Schafe und Ziegen die wirklichen Veganer sind und über Veredelung von Grasland  zur Ernährungssicherung beitragen. So ist die Debatte noch weit weg von einer naturgemäßen Tierhaltung und ihrer Futterbasis, wie sie das Titelbild von Bartussek und Schnitzer aus dem Buch von 1988 zeigt. Die Debatte erinnert eher an die biblische Geschichte von Kain und Abel, nur der Neid hat gewechselt von den Opfertieren zu den tierischen und technischen Körnerfessern.  

In allen Geschichten der Menschheit wird von Jägern und Sammlern berichtet und seit ihrer  Sesshaftwerdung von Ackerbauern und Tierzüchtern. Dass Menschen sich immer von Pflanzen und Tieren ernährt haben, also Allesesser sind. Wohl weil das Sammeln zum Leben nicht immer ausreichte und dann auch nicht überall Ackerbau betrieben werden konnte. Die heutige Ernährungswissenschaft weiß, dass für den Menschen Aminosäuren lebensnotwendig sind, die in pflanzlichem Eiweiß selten sind, aber in Milch und Fleisch enthalten sind. Unser Freund Tierzuchtprofessor Alfred Haiger hat nachgewiesen, dass diese Aufgabe doppelt so effizient über Milch vom Grasland erfüllt wird als über mit Getreide erzeugtem Fleisch. weshalb er Widerkäuer das fünfte Lebenselement nennt nach Erde, Wasser, Luft und Feuer. Denn sie sorgen für Ernährungssicherheit, weil der  überwiegende Teil der landwirtschaftlichen Fläche der Erde nicht ackerwürdig ist.

Die aktuelle Debatte redet ein, dass man hierzulande überall das Getreide anbauen könne, was bisher aus der Ukraine importiert werden konnte. Komisch nur, dass dieselbe Politik den Umbruch von Grünland verboten hat. Wer noch genauer hinhört, merkt, dass es eine Fortsetzung der Tierwohldebatte ist, die die Nutztierhaltung reduzieren und am liebsten abschaffen möchte. Die von der vorigen Regierung dazu eingesetzte Borchert- und Zukunftskommissionen haben sich zwar auf den Umbau der Tierhaltung geeinigt, aber kein Finanzierungskonzept dafür gefunden. Und Grünland als Futtergrundlage kommt in diesen Papieren gar nicht vor.  

Dabei wäre die Debatte eine kulturelle Frage. Denn Weizen ist nicht in allen Kulturen die Brotfrucht. In Mexiko ist es der Mais, in Japan der Reis und in Indien und Afrika war es die  Hirse. Bei uns auf den ärmeren Böden war es der Roggen, weshalb man früher Weizen- und Roggenböden unterschied. Der freie Weltmarkt hat Kulturen und Standorte vermischt und das Fremde zum Luxus erhoben. Billige fossile Energie hat den Transport um die Welt möglich gemacht und lokale Kulturen abgewertet. Denn die Verfütterung von Brotgetreide war früher unmoralisch, nur was Menschen nicht essen konnten wurde verfüttert. Erst als Getreide billig wurde, verführte der Preis zur Verfütterung. Der machte Futterzukauf möglich und damit die innere Aufstockung flächenknapper Höfe mit Geflügel oder Schweinen zur Existenzsicherung. Diese vermeintlich Veredelungswirtschaft genannte Überlebensstrategie wird heute als Massentierhaltung beklagt, deren eigentliches Problem es ist, dass der Mist nicht dorthin kommt, wo das Futter herkam. Ähnlich verhalf billiges Zukauffutter sowie die Einführung des Silomais zur Leistungssteigerung der Rindviehhaltung. Dass es dadurch von der naturgemäßen Haltung auf Grünland abwandere hat Haiger in den 1990er Jahren “So wird die Kuh zur Sau gemacht” erklärt und ist aber immer noch nicht überall bewusst.        

Zu der Überschusssituation kam die Debatte um nachwachsende Rohstoffe gerade recht. In der Verbrennung von Getreide ist sogar ein Ausweg gesehen worden. Durchgesetzt haben sich aber Raps- und Palmöl zur Beimischung in Kraftstoffe und Biogas, deren Presskuchen wieder verfüttert werden. Biogas war entwickelt worden um Energie aus der Gülle zu gewinnen und um Gülle pflanzenverträglicher zu machen. Das Getz für erneuerbare Energie mache es rentabel, Silomais direkt in Biogasanlagen zu vergären. Ein Lehrstück, wie Gesetze und der Zeitgeist Bio die Konkurrenz um Teller oder Trog um den Tank erweitert haben.   

Die Debatte Teller, Trog oder Tank erinnert an einen Hühnerhof, wo alle nur herauspicken, was sie gerade finden und mögen. Doch unser Ernährungssystem ist viel komplexer, weil es unterschiedliche Standort- und Wuchsbedingungen und sich ändernde Ansprüche in Einklang bringen muss. Das ist weder der kommunistischen Planwirtschaft noch der freien Marktwirtschaft gelungen, weil ihr Trend zur Rationalisierung und Spezialisierung Erzeugung und Versorgung immer weiter entfremden. Wie diese Entfremdung zu überwinden ist, macht der Weltagrarbericht klar. Nämlich über Ernährungssouveränität, Agrarökologie und multifunktionale bäuerlichen Strukturen. Und einer Tierhaltung, die sich an den naturgemäßen Ansprüchen der Tierarten orientiert, wie sie das Titelbild zeigt.       

Teller, Trog oder Tank?
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