Mit Vielfalt aus der Sackgasse

Neue  bäuerliche Bewegungen haben wir bei unserer Infotour am 7. September 2018 im Elsass entdeckt. Für die 40 Teilnehmer aus dem ganzen Schwarzwald sind es Denkanstöße, wie es gemeinsam anders geht als einzeln zu wachsen oder zu weichen. Gleich das erste Ziel zwischen dem berüchtigten AKW Fessenheim und den Vogesen, wo man nur durch Mais fährt, trafen sie eine Bauernfamilie, die auf Vielfalt und Zusammenarbeit setzt. Ihre Ferme Büra Hisla liegt mitten in Ungersheim. Draußen vor dem Dorf weiden ihre schwarzgefleckten Vogesenkühe und alles was ihre Kühe und Schweine brauchen, bauen sie selbst an. Ihre Kühe ziehen als Ammen die unwerten Bullenkälber von Züchterkollegen groß, die naturgemäßes Kalbfleisch liefern. Als Brücke zum Konsumenten machen Grassers gemeinsam mit Berufskollegen jede Woche einen Bauernmarkt im Hof, um die Vielfalt zu bieten, die Konsumenten brauchen. Um das Käuferpotential zu erweitern, haben sie zwei weitere Gemein-schaften gebildet, die in Vororten von Mülhausen gemeinsame Bauernläden betreiben. Die Bauern sind dort nicht nur Lieferanten und damit Konkurrenten, sondern selbst aktive Verkäufer. Sie müssen sich nicht hinter Ökosiegeln verstecken, sondern haben die Wertschöpfung voll in ihren Händen. Alles hat wenig mit Romantik oder Marketing zu tun, sondern ist ihre Art solidarisch zu wirtschaften. Ihr Marketing ist die Echtheit.

Diese Echtheit wurde beim zweiten Ziel in den Hochvogesen zum Genuss. Entlang der Kammstraße  „route de crêtes“ (deutsch Käsestraße) liegen mitten in den Bergweiden Höfe, die auf den ersten Blick an den Schwarzwald erinnern. Aber es sind in der Regel nur Sommersitze der Vogesenbauern. Transhumanz heißt diese traditIMG_6737 Ferme Hussionelle Lebensform zwischen Berg und Tal. Auf der besuchten Ferme Huss erklärte Andre Schickel den Schwarzwäldern mit Leidenschaft ihre Wirtschaftsweise, aber auch den Kummer mit den widersprüch-lichen Regelungen von Natur- und Verbraucherschutz und den Erwart-ungen des Tourismus. So ist auch in den Vogesen nicht zu übersehen, wie Weiden verbuschen, wo die klassischen Melkereien, wie die Berghöfe genannt werden, zu Touristenevents werden. Diesem Trend folgt die Famile Schickel, und vorab auch der Junior, nicht. Sie pflegen die echte Transhumanz, in der die Melkerei im Sommer mit einer Auberge für Wanderer eine Multifunktion bildet. Diese Originalität macht sie zum Geheimtipp, weshalb sie auch nicht in offiziellen Katalogen zu finden sind, um sich nicht standardisieren Richtlinien unterwerfen zu müssen. Und sie kommen ohne Homepage und schnelles Internet zurecht. Ihren Gästen servieren sei das traditionelle Melkermenue, echt aus eigener und lokaler Erzeugung, das den  Schwarzwäldern mundete. Ihr Stolz aber sind die Vogesenkühe, die vom Aussterben bedroht waren und die die Vogesenbauern zur idealen Weidekuh gezüchtet haben. Neuerdings sogar wieder Rotgefleckte, als Zeichen des Ausbruchs aus der Normierung. Auch der Altpräsident der Vogesenzüchter, Jean Wehrey, begrüße die Schwarzwälder Freunde auf der Ferme Hus begrüße und gab ihnen den Rat mit auf den Weg gab: “unsere Natur kann man nicht schützen, man muss sie pflegen”.

IMG_6753IMG_6742 Altpräsident Jena Wehrey

 

Das dritte Ziel war eine Bauerngemeinschaft in Hachimette bei Kaisersberg, die gerade ihr dreißigjähriges Jubiläum feiert. Im Tal der Durchgangsstraße von Colmar ins Zentrum Frankreichs haben sieben Bauernfamilien den ehemaligen Bahnhof  zum Schatzkeller der Berge entwickelt. Eine davon, Barbara Meyer, hat die Schwarzwälder begrüßt und erklärt, wie die Gemeinschaft funktioniert. Die Bauern von den abgelegen Höfen haben den Ort an der Straße  gewählt, weil da viele vorbeikommen. Jede Bauernfamilie darf nur einen Produktbereich  bringen, was ein vielfältiges Sortiment ohne innere Konkurrenz garantiert. Alle müssen beim Verkauf mitwirken. Wir wachsen langsam, so wie wir mit unseren Höfen mitkommen, betonte Barbara Meyer. Diese Rechnung ging auf, heute setzen 14 Bauern 1,5 Mio. € im Jahr um. Neben dem Ort ist  das echte Sortiment von den Mitgliedern der Erfolgsfaktor. Dazu trifft sich die Gemein-schaft monatlich, um ihre Probleme aktuell zu regeln. Kosten werden umsatzorientiert umgelegt. Die Erweiterung des Schatzkellers vor 4 Jahren wurde selbst finanziert. Den Wettbewerb der Discounter fürchten wir nicht, betonte Barbara Meyer, weil wir anders sind.

Dieses Anderssein unterscheidet sich von der Agrarpolitik, die den Bauern seit Jahrzehnten einredet, am Markt wettbewerbsfähig zu werden. Wobei die besuch-ten Bewegungen in der gleichen EU leben, die unsere Agrarpolitik bestimmt. Sie unterscheiden sich dadurch, dass sie sich nicht an einem vermeintlichen Markt miteinander konkurrieren, und das regional Echte nicht Anderen zum Marke-ting überlassen. So haben sie mit Bodenständigkeit und Gemeinschaftssinn einen Weg aus der Sackgasse des Wachsen und Weichen gesucht und gefunden.