Ernte und Kapitalismus

was haben sie mit einander zur tun? Dieser Frage galt unser Erntedankgespräch am 27. September 2018 mit der Wirtschaftskorrespontentin Ulrike Herrmann von der Berliner Tageszeitung TAZ. Wird doch die Ernte im kapitalistischen Wohlstandsrausch kaum noch wahrgenommen, wie die Dürre in diesem ungewöhnlich heißen Sommer offenbarte. Aus Ulrike Herrmann’s Vortrag ergibt sich aber, dass Ernte und Kapital-ismus eigentlich Geschwister sind. Denn beide brauchen Wachstum, sonst kommt es zur Krise. Auch das Wachstum ist bei beiden periodisch, bei der Ernte im Jahreslauf vom Frühling zum Herbst, beim Kapitalismus von der Erfindung bis der Markt gesättigt ist.

Ulrike Herrmann räumte mit den Irrtümern um den Begriff Kapitalismus auf. Es sei kein linker Kampfbegriff, sondern das Wirtschaftssystem, das vor 250 Jahren in England entstanden ist. Also bevor Karl Marx das berühmte Buch Kapital geschrieben habe. Kapital sei auch nicht dasselbe wie Geld, denn Geld hatten schon die Frühkulturen in Mesopotanien. Nicht nur als Tauschmittel, sondern auch schon als Kredit in Form von Schuldscheinen. Aber alle Frühkulturen bis ins 18. Jahrhundert hatten kein Wirtschafts-wachstum, sondern waren als Agrargesellschaften darauf angewiesen, was ihr Boden als Ernte und Rohstoffe hergab. Weshalb der Großteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten musste. Es gab aber auch schon Märkte zum Austausch unter-einander und sogar globalen Handel. Kapitalismus ist also mehr als Geld,  Marktwirt-schaft oder Globalisierung.

Kapitalismus ist entstanden als menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzt wurde . Dieser Prozess begann 1860 in England. Warum ausgerechnet dort? Weil nach der Pest im ausgehenden Mittelalter dort erste Landreformen begannen und das Gemein-schaftsland durch Landlords verpachtet wurde. Von Agrarhistorikern als Einhegung der Allmende beschrieben. Die Bauern mussten die Pacht nun bar erwirtschaften und  konzentrierten sich darauf, was mit der wenigsten Arbeit am meisten Geld brachte. Das war die Schafzucht, weil Nahrung billig aus den Kolonien kam. Die Kleinbauern  verloren damit ihre Versorgungsgrundlage und mussten sich der Arbeit in den Spinnereien und Webereien verdingen. Denn Wolle und Wollstoffe wurden zum Exportartikel Englands. Dadurch stiegen die Löhne, was das Interesse weckte, Arbeitskräfte durch Maschinen zu ersetzen. Spinnmaschine und Dampfmaschine wurden eingesetzt. Um das Geld für diese Maschinen aufzubringen, musste mehr produziert werden, womit der Kapitalismus begann. In der deutschen Landwirtschaft kam diese Tretmühle erst im 20. Jahrhundert in Gang voll in Gang.

Den Kapitalismus bezeichnet Ulrike Herrmann als totales System, das zu unserem  Wohlstand geführt hat. Steigende Lebenserwartung, Bildung, Sozialversicherung, Demokratie und Gleichberechtigung sind erst im Kapitalismus möglich geworden. Aber der Kapitalismus hat auch Schattenseiten. Denn die Massenproduktion begünstigt mit seinen Skaleneffekten (Kosten je Einheit) die Großen, die im Wettbewerb die Kleinen verdrängen und Ungleichheit schaffen. Weder die  soziale Marktwirtschaft noch die europäische Agrarpolitik  haben diese Strukturwandel genannte Entwicklung  aufgehalten. So hat der Kapitalismus die Arbeit erst von der Landwirtschaft in die Industrie und in den letzten Jahrzehnten in die Dienstleistungen und Finanzmärkte  verlagert. Doch die politischen Steuerungsinstrumente wurden (noch) nicht angepasst.

So fährt der Kapitalismus an die Wand und keiner erforscht den Bremsweg, hadert Ulrike Herrmann mit den 15 000 Ökonomen, von denen kaum einer die Transformation zu einer ökologisch verträglichen Kreislaufwirtschaft erforsche. Denn in einer endlichen Welt kann man nicht endlos wachsen. Wir brauchen bereits 3 Planten und überfordern Klima, Umwelt und Rohstoffe des einen. Es gäbe zwar viele Ansätze bis zu Gemeinwohl- und Postwachstumsökonomie, aber alle übersehen noch den Zusammenhang von Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätzen. Und sobald Nischen wachsen, so die Erfahrung, geraten sie in die kapitalistische Wachstumsfalle. Was nach Ulrike Herrmann fehle, ist eine Brücke, denn ohne Wachstum gerate der Kapitalismus in eine chaotische Abwärtsspirale.

Ernte und Kapitalismus haben also mehr miteinander zu tun, als Landwirte und Ökonomen glauben. Zwar ist die Landwirtschaft im kapitalistischen  Wirtschaftssystem mit nur noch 2 % der Beschäftigten ein Randsektor. Aber dieser Strukturwandel zur Industrialisierung der Landwirtschaft ist Teil des kapitalistischen Systems, dessen Denkweise sich auch in der Agrarförderung hinter dem Stichwort Wettbewerbsfähigkeit verbirgt. Die Grenzen dieses Systems in Klima und Umwelt bekommt jedoch die Landwirtschaft mit als Erste zu spüren. So wie der Kapitalismus mit der Einhegung der kleinbäuerlichen Allmende begonnen hat, könnten Tätigkeiten für die eigene Ernte  Bausteine für die Brücke zu einem nachhaltigen Wohlstand sein. Wenn nicht, wie in der Diskussion angemahnt, die Gier des Wettbewerbs um endloses Wachstum vorher alles zerstöre. Denn auch den Kapitalismus habe niemand geplant, erklärte Ulrike Herrmann, er ist durch eine Bündelung von Zufällen entstanden. Die neue Kultur wird aber sicher nicht mit  Privat-Autos entstehen, ist sie sich sicher. Ulrike Herrmann’s Bücher bieten Denkstoff für diese Herausforderung:

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