Danken kommt von Denken,

war eine der Botschaften von Pfarrer Franz Wehrle beim Erntedankgespräch am 6. Oktober 2013 in Schönenbach. Daraus ergibt sich die Antwort auf die Frage, wieso Erntedank in Zeiten voller Supermärkte nur noch Event ist? Denn danken kann man nur für das, was in den Gedanken vorkommt. Von der Ernte sind aber die meisten Menschen entfremdet. Bilder von immer größeren Erntemaschinen schrecken eher ab. Dazu kommt, dass immer mehr Menschen keine Zeit mehr zur Nahrungszubereitung haben oder sich nehmen. Der Bezug zur Ernte unserer Lebensmittel  ist also geschwunden und damit auch das Bewusstsein für die Anfälligkeit unseres Versorgungssystems, das in Händen weniger Konzerne liegt.

Dennoch ist Erntedank in allen Religionen ein Fest und wird auch außerhalb der Kirche als Kirchweih oder Heugaus kulturell gefeiert. Erntedank existiert also im Unter-bewusstsein. Die Bibel unterscheide zwischen schaffen und arbeiten. Die katholische Kirche hat deshalb die Ernte konkretisiert als Früchte der Erde und Arbeit der Menschen, was zusammen Kultur ergäbe. Denn die Erde gebe genug und Hunger entstehe immer dort wo es Konflikte gibt. Diese Konflikte haben oft damit zu tun, dass wir über unsere Verhältnisse und auf Kosten anderer leben. Es sei verrückt, was alles um die Welt gefahren wird.

Der im Bregtal aufgewachsene und heute als Pfarrer in der Stadt wirkende Pfarrer Wehrle wagte einen Blick von aus der Stadt auf die Entwicklung am Land und fragte, wieso die immer größeren Traktoren so sehr als Statussymbol gepflegt würden, aber die Bauern nicht mehr über das Wachsen in der Natur staunen. Die Naturwissenschaft täte nichts anderes, als diese Wunder der Natur zu verstehen und sie technisch nachzubauen. Und er fragte auch, warum wir Kraftfutter verfüttern, das doch das Brot der dritten Welt ist. Dieses Wirtschaften auf Kosten anderer gefährde die Solidarität weltweit, wie auch unter den Bauern. Einen Grund sah der Pfarrer darin, dass der Arbeitsrhytmus durcheinander gekommen sei und der 7. Tag, der Sonntag, nicht mehr dem Ruhen diene. Das Erntedankfest als Parallele im Jahreslauf mahne zur Überschaubarkeit von Saat und Ernte. Regional also weniger als Marketing, sondern mehr als risikominimierendes Handeln.

Siehe auch unser Aschermittwochsgespräch 2015: http://forumproschwarzwaldbauern.de/category/archiv/aschermittwochsgespraech/

Weiter so ist keine Option

weder für die Welternährung, wie die Weckrufe des Weltagrarberichts (2008) und der UN-Welthandels- und Entwicklungskonferenz UNCTAD (2013) aufzeigen. Mehr unter: www.weltagrarbericht.de

noch für die Schwarzwaldbauern, wie folgende Darstellung über die Entwicklung und den Trend der Landnutzung und der Zahl der Höfe einer typischen Schwarzwaldgemeinde zeigt:Wandel Landnutzung

Der in der Grafik aufgezeigte Trend des Strukturwandels bis 2030 ist in vielen Schwarzwaldtälern bereits Wirklichkeit. Der Schwarzwald wird nicht nur wegen unbefriedigender Preise zum Pflegefall, auch die politische Regelungswut unter dem Vorwand von Natur-,Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutz nimmt immer mehr Schwarzwaldbauern den Sinn.

Agrarreformen und Diskussionen um eine Agrarwende haben den Strukturwandel zur Industriealisierung der Landwirtschaft nicht aufhalten können, weil sie die Lebens-gewohnheiten und Mächte unserer globalen Supermarkt-Kultur ignorieren. Wir denken weiter und wollen einen

 Kulturwandel statt Strukturwandel

 zum Guten Leben für Alle statt Gewinn für wenige Konzerne

Ernährungssouveränität statt Weltmarkt

Lokale Strukturen statt globaler Konkurrenz

Agrarökologie (naturgemäße Vielfalt) statt Ökostandards

Multifunktion statt Monokultur

Mehr im Beitrag_Bäuerliche Zukunft_3.2016

Eine neue Grünlandkultur

Unter Grünland verstehen die Einen eine offene grüne Landschaft, Andere erwarten das ganze Jahr blühende Wiesen mit weidenden Tieren, Dritte sehen den Lebensraum gefährdeter Arten und Landwirte eine Futterfläche. Diesen widersprüchlichen Vorstellungen galt unser Weidegespräch am 24. Mai 2016 auf dem Bartlisbauernhof in Schönwald. Bei einem Rundgang wurde deutlich, dass bei gleicher Bewirtschaftung im Grünlandbestand die Standortunterschiede sichtbar werden und ebenso am selben Standort die Art der Bewirtschaftung. Warum?

Weil der Grünlandbestand immer das Spiegelbild von Standort und Bewirtschaftung ist. Doch in den heute vorherrschenden Standardrezepten hat der Standort seine Bedeutung gegen einen Wunsch-bestand eingebüßt. Indem man glaubt, man könne den Wunschbestand einfach mit Maßnahmen wie z.B. Nachsaat herstellen. Doch gibt es für die eigentlichen Herausforderungen der zunehmenden Wetterextreme zwischen Nässe und Trockenheit die angepassten Arten? Oder sollten wir uns besser in Geduld mit der natürlichen Anpassung üben? Die widersprüchlichen Anforderungen zwischen Ökonomie und Ökologie als Agrarökologie vereinen, indem wir selbst die Grünlandbewirtschaftung mit Standort und Viehbesatz in Einklang bringen?

Mit der Klimaerwärmung wird die Rolle des Grünlandes im globalen Kohlenstoffkreislauf (CO2) zunehmen. Denn neben den Ozeanen und den Wäldern ist Grünland der wichtigste Kohlenstoff-speicher.  Diese Speicherung erfolgt im Humus, der wiederum die Fruchtbarkeit der Böden bestimmt.  Humus entsteht durch abgestorbene Pflanzenteile, insbesondere Wurzeln, und Stalldünger durch ein komplexe System von Bodenleben, Edaphon genannt. Dieser Prozess wird gehemmt durch Boden-verdichtungen und zu häufige Nutzung bei intensiver Bewirtschaftung, aber auch Futterreste bei zu später Beweidung extensiver Flächen. Aus dieser Sicht verliert die derzeitig teilende Entwicklung in Wirtschafts- und Pflegegrünland mit dem ganzen Wust von Reglementierungen ihren Sinn. Um die Souveränität unserer Schwarzwaldhöfe zurückzugewinnen, sollten wir uns selbst zum agrarökologischen Experten für die Kultur unserer Standorte entwickeln. Wenige Zeigerpflanzen zeigen uns diesen Weg. Siehe Anlage: Grünland ist nicht gleich Grünland_24.5.16

Bei weiteren Weidegesprächen in diesem Sommer wollen wir diesen Weg erkunden.

Kulturwandel statt Strukturwandel

war der Tenor in der Mitgliederversammlung 2016 des Forum Pro Schwarzwaldbauern in Brigach. Denn im Wettrennen um die billigste Milch für den Weltmarkt können auch mit mehr PS und größeren Ställen immer weniger Schwarzwaldbauern mithalten. Dabei überfordert dieser höflich Strukturwandel genannte Prozess immer mehr bäuerliche Familien, nimmt der einzigartigen Schwarzwaldlandschaft ihr Gesicht und behindert mit dem Konkurrenzdenken wirklich neue gemeinsame Wege. Dass Kulturlandschaft im Titel des neuen Baden-Württembergischen Agrarumweltprogramm Fakt gar nicht mehr vorkommt wertet das Forum als Entfremdung  von der Kultur. Im Forum Pro Schwarz-waldbauern begnügt man sich nicht mit dem Beklagen dieser Entwicklung, sondern sucht gemeinsam in einem internationalen Netzwerk nach bäuerliche Alternativen. Aber nicht wie gewohnt kommen die Denkanstöße aus Wissenschaft und Politik, sondern aus den Großstädten der Welt. Hinter diesen Bewegungen stehen junge Menschen, die ihre Versorgung selbst in die Hand nehmen um ihre  Zukunft unabhängig von globalen Supermärkten selbst zu gestalten. Deshalb hat das Forum im letzten Jahr über Urban Gardening, Solidarische Landwirtschaft und Bürgergesellschaften informiert und im Breisgau sogar einige Initiativen kennen gelernt.

Was für viele eine Utopie ist, sieht der wiedergewählte Vorsitzende Siegfried Jäckle als geistigen Impuls für eine wirklich nachhaltige Zukunft. Ähnlich dem Biolandbau vor wenigen Jahrzehnten, der aber längst den Mächten des Marktes als Marketing dient. Der ebenfalls wiedergewählte Stellvertreter Reimund Kuner aus Schönwald verwies auf die Einsicht, dass am freien Markt sich nur behaupten kann, wer am billigsten ist. Erika Obergfell aus Brigach, die Georg Schätzle aus Langenbach im Vorstand ablöst, betonte, dass wir uns auf das Eigene besinnen sollten statt auf die Politik zu hoffen.

Die Bewegungen des urban gardening oder solidarischer Landwirtschaft von jungen Leuten aus Großstädten waren vor wenigen Jahrzehnten noch Utopie, heute sind sie Zeichen eines Wandels. Damit will das Forum Pro Schwarzwaldbauern nicht die Zeit zurückdrehen, sondern die Augen für die Herausforderungen der kommenden Zeit öffnen. Die zunehmenden Trockenzeiten als Folge der Klimaerwärmung und die knapper werdenden Rohstoffe könnten unseren gewohnten Arbeits- und Lebensstil bald in Frage stellen. Statt die Landschaft nur offen zu halten, gilt es, sie als nahrhafte Landschaft vor der Tür wieder zu entdecken. Zumal deren Humus im überbordenden und unser Klima gefährdenden Kohlenstoffkreislauf eine zentrale Rolle spielt. Diese Einsichten will das Forum im laufenden Jahr vertiefen, damit nicht immer Schwarzwaldhöfe im Strukturwandel verschwinden, sondern mehr Bäuerinnen und -bauern eine zukunftsfähige Rolle finden.

Ernährungssouveränität beginnt auf unseren Höfen

Unser FreundInnen von der Österreichischen Bergbauernvereinigung ÖBV haben vom 6. – 10. April 2016 eine Exkursion nach Vorarlberg gemacht. Wir haben uns dort getroffen.  Im Zentrum unserer Freundschaft steht das Gegenmodell zur herrschenden neoliberalen Weltmarktlogik, die Ernäh-rungssouveränität. Dieser von der internationalen Kleinbauernorganisation La Via Campesina beim Welternährungsgipfel in Rom 1996 geprägte Begriff haben 400 Expertinnen und Experten im Weltagrarbericht zum Weg aus der  Hungerkrise erklärt. In Vorarlberg trafen wir verschiedene Ausprägungen.

Einerseits beim Urgestein bäuerlicher Souveränität, bei Lucia und Kaspanaze Simma in Andelsbuch im Bregenzerwald. Ohne bäuerliche Vorbelastung hat Lucia ihr einfaches Gutes Leben am Bauernhof gefunden. Und der Freigeist Kaspanaze trotzt dem Mainstream, weil er begriffen hat, dass mit allem was man zukauft, die Region verarmt (siehe auch übernächster Beitrag (Land-) Wirtschaften neu denken auf dieser Seite. Beide verstecken Leben nicht hinter Statussymbolen, wie PS und Hektare, sondern sie leben in Harmonie mit ihrem Garten, ihren Obstbäumen, Wiesen, Alpen, Kühen und Pferden. Kaspanaze nennt dieses Wirtschaften Lebenskräfte einsetzen und wieder herstellen. Damit findet Kaspanaze sogar in großen in Medien Interesse:                   Zeit-online_20.10.14_kaspanaze-simma

Der Naturhautnahhof der Familie Metzler im Nachbarort Egg wirkt äußerlich wie ein Gegensatz. Dennoch zeigt schon die Architektur, dass es kein Mainstreamhof ist. Hört man dann Ingo Metzler, merkt man, dass man es wieder mit einem Freigeist zu tun hat. Vor über 20 Jahren hat er den Wert des Abfallprodukts Molke erkannt und daraus Kosmetikartikel entwickelt, die er heute europaweit verkauft. Doch damit gab er die regionale Bodenhaftung nicht auf, sondern baute sie aus. In neuen Gebäuden hat er Landwirtschaft und Sennerei transparent gemacht, statt sich hinter Gütesiegeln zu verstecken. Er spricht nicht von Hektaren und Tierzahlen, sondern ist stolz auf seine Erzeugnisse. Und die stammen von für jedermann überschaubaren Herden von Ziegen und Kühen sowie von Nachbarn.  Dazu beschäftigt er bald zwei Dutzend Mitarbeiter. Dem aufmerksamen Betrachter nennt er aber auch die Grenzen. So seien Molkenprodukte fast nur überregional absetzbar, weshalb er sowohl im Bregenzerwald, wie mit einer Weinbauregion zu kooperieren versucht. Dass diese eigenständige Entwicklung nicht in die standardisierte Agrarförderung passe, muss er ebenso erleben, wie laufende Kontrollen. Fast könnte man meinen, dass mit der Überschaubarkeit das behördliche Misstrauen wächst. Gerade deshalb ist die Geschichte des Hofes Metzler ein Lehrbeispiel für eigenständige Entwicklung in Richtung Ernährungssouveränität: https://www.molkeprodukte.com/metzler-naturhautnah/naturhautnah-geschichte/