Bebauen und Bewahren zusammen denken

Unser 20. Aschermittwochsgespräch am Valentinstag 14. Februar 2018 mit dem Bodenwissenschaftlers Dr. Nikola Patzel aus Überlingen galt der Entdeckung unserer Böden als Lebensgrundlage für die Postwachstumszeit. Denn das Wachstumsdogma der Industriegesellschaft hat den biblischen Auftrag zum  Bebauen und Bewahren  gespalten. Einerseits wird immer mehr Boden überbaut und andererseits wird zum Ausgleich immer mehr Boden unter Schutz gestellt. Mit der Folge, dass die Bauern sich in die Enge getrieben fühlen und wir uns immer mehr vom Boden anderer Länder und Menschen ernähren. Ganz pervers wird diese Entwicklung aus Sicht der Grenzertrags-regionen wie im Schwarzwald, wo die Böden zur Offenhaltung der Landschaft Pflegefall werden, während in Gunstlagen durch Intensivierung Boden und Wasser gefährdet werden. Nikola Patzel brachte diese Situation auf den Punkt: wenn die Wirtschaft wächst, schrumpft der Boden!

Er knüpfte an die Thesen von Niko Paech beim Aschermittwochsgepräch im Vorjahr an, dass unsere globale, Klima, Umwelt und Frieden gefährdende Versorgung schrumpfen und die eigene und regionale  Versorgung ausgebaut werden müsse. Mit Bildern vom Mars, wo es keinen Boden und kein Leben gibt, untermauerte er, dass wir keine andere Wahl haben, als zum Überleben uns auf den Boden unseres einen Planeten zu besinnen. Mit weiteren Bildern machte er eine Reise durch 17.000 Jahre Bodenbildung. Wie eine Lebensgemeinschaft von unzähligen Pilzen, Bakterien und Kleinlebewesen  die oberen Gesteinsschichten erschlossen haben, Pflanzen diesen Oberboden bis zum Muttergestein durchwurzeln und in Verbindung mit Pflanzenfressern den Humus aufbauen. Dieser Humus wird im Mikrokosmos Boden zu stabilen Ton-Humuskomplexen verkittet, die die Bodenfruchtbarkeit ausmachen. Sie ist Lebens-grundlage für uns Menschen, die als homo sapiens sapiens ja als die Weisen gelten. Da die frühen Kulturen dieser Weisen im Mittelmeerraum ihren Boden nur ausgenutzt haben, sind ihre Böden verkarstet oder verwüstet. Dieses Schicksal sei dem Schwarz-wald trotz massiver Abholzung bis ins 18. Jahrhundert erspart geblieben, stellte er lobend fest.

Heute leide das Leben im Boden immer mehr unter dem Druck immer schwererer Maschinen, was Nikola Patzel mit Negativbildern untermauerte. Das sei auf dem Grünland zwar weniger sichtbar, am Berg aber sogar verstärkt, weil die talseitigen Räder dort mehr Last tragen müssen. Diese Bodenverdichtung macht es den Regenwürmern (und andere Bodenlebewesen) schwer, sie graben weniger  Wurm-röhren, wodurch der Boden weniger Wasser (und Luft) aufnehmen kann und Hochwasser wie Trockenschäden zunehmen. Breitreifen zur Druckreduzierung bezeichnete Nikola Patzel als Irrtum, weil sie den Druck nur in die Tiefe verlagern. Die logische Lösung wäre leichtere Technik. Doch der Ehrgeiz nach höherer Milchleistung verbunden mit häufiger Grünlandnutzung mit schlagkräftiger Technik vereinfache das Bodenleben wie auch die Pflanzenbestände.

Deshalb setze sich Nikola Patzel im dritten Teil als Psychologe mit unserem Verhältnis zum Boden auseinander. Der Zwang zur Rationalisierung habe einen Konflikt zwischen dem Bezug zum Boden und dem darauf erwarteten Wachstum erzeugt. Das Motto der Technologiegläubigkeit, reinstecken, damit rauskommt, was ich will, blockiere nämlich menschliche Innenwelt mit ihren Emotionen und ihrer Kreativität. Deshalb beschäftigt sich Nikola Patzel in seinen Büchern mit den Symbolen im Landbau, die die frühere Beziehung von Bauern zu ihrem Boden bestätigen. In der Diskussion offenbarte sich das Verlangen nach Patentrezepten für den Umgang mit dem Boden. Doch für das komplexe System Boden kann es keine einheitlichen Rezepte geben. Wir müssen einen agrarökologischen Weg wählen, der Standort und Menschen einbezieht. Den biblischen Auftrag zum Bebauen und Bewahren also zusammendenken.

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