Eine neue Grünlandkultur

Unter Grünland verstehen die Einen eine offene grüne Landschaft, Andere erwarten das ganze Jahr blühende Wiesen mit weidenden Tieren, Dritte sehen den Lebensraum gefährdeter Arten und Landwirte eine Futterfläche. Diesen widersprüchlichen Vorstellungen galt unser Weidegespräch am 24. Mai 2016 auf dem Bartlisbauernhof in Schönwald. Bei einem Rundgang wurde deutlich, dass bei gleicher Bewirtschaftung im Grünlandbestand die Standortunterschiede sichtbar werden und ebenso am selben Standort die Art der Bewirtschaftung. Warum?

Weil der Grünlandbestand immer das Spiegelbild von Standort und Bewirtschaftung ist. Doch in den heute vorherrschenden Standardrezepten hat der Standort seine Bedeutung gegen einen Wunsch-bestand eingebüßt. Indem man glaubt, man könne den Wunschbestand einfach mit Maßnahmen wie z.B. Nachsaat herstellen. Doch gibt es für die eigentlichen Herausforderungen der zunehmenden Wetterextreme zwischen Nässe und Trockenheit die angepassten Arten? Oder sollten wir uns besser in Geduld mit der natürlichen Anpassung üben? Die widersprüchlichen Anforderungen zwischen Ökonomie und Ökologie als Agrarökologie vereinen, indem wir selbst die Grünlandbewirtschaftung mit Standort und Viehbesatz in Einklang bringen?

Mit der Klimaerwärmung wird die Rolle des Grünlandes im globalen Kohlenstoffkreislauf (CO2) zunehmen. Denn neben den Ozeanen und den Wäldern ist Grünland der wichtigste Kohlenstoff-speicher.  Diese Speicherung erfolgt im Humus, der wiederum die Fruchtbarkeit der Böden bestimmt.  Humus entsteht durch abgestorbene Pflanzenteile, insbesondere Wurzeln, und Stalldünger durch ein komplexe System von Bodenleben, Edaphon genannt. Dieser Prozess wird gehemmt durch Boden-verdichtungen und zu häufige Nutzung bei intensiver Bewirtschaftung, aber auch Futterreste bei zu später Beweidung extensiver Flächen. Aus dieser Sicht verliert die derzeitig teilende Entwicklung in Wirtschafts- und Pflegegrünland mit dem ganzen Wust von Reglementierungen ihren Sinn. Um die Souveränität unserer Schwarzwaldhöfe zurückzugewinnen, sollten wir uns selbst zum agrarökologischen Experten für die Kultur unserer Standorte entwickeln. Wenige Zeigerpflanzen zeigen uns diesen Weg. Siehe Anlage: Grünland ist nicht gleich Grünland_24.5.16

Bei weiteren Weidegesprächen in diesem Sommer wollen wir diesen Weg erkunden.

Kulturwandel statt Strukturwandel

war der Tenor in der Mitgliederversammlung 2016 des Forum Pro Schwarzwaldbauern in Brigach. Denn im Wettrennen um die billigste Milch für den Weltmarkt können auch mit mehr PS und größeren Ställen immer weniger Schwarzwaldbauern mithalten. Dabei überfordert dieser höflich Strukturwandel genannte Prozess immer mehr bäuerliche Familien, nimmt der einzigartigen Schwarzwaldlandschaft ihr Gesicht und behindert mit dem Konkurrenzdenken wirklich neue gemeinsame Wege. Dass Kulturlandschaft im Titel des neuen Baden-Württembergischen Agrarumweltprogramm Fakt gar nicht mehr vorkommt wertet das Forum als Entfremdung  von der Kultur. Im Forum Pro Schwarz-waldbauern begnügt man sich nicht mit dem Beklagen dieser Entwicklung, sondern sucht gemeinsam in einem internationalen Netzwerk nach bäuerliche Alternativen. Aber nicht wie gewohnt kommen die Denkanstöße aus Wissenschaft und Politik, sondern aus den Großstädten der Welt. Hinter diesen Bewegungen stehen junge Menschen, die ihre Versorgung selbst in die Hand nehmen um ihre  Zukunft unabhängig von globalen Supermärkten selbst zu gestalten. Deshalb hat das Forum im letzten Jahr über Urban Gardening, Solidarische Landwirtschaft und Bürgergesellschaften informiert und im Breisgau sogar einige Initiativen kennen gelernt.

Was für viele eine Utopie ist, sieht der wiedergewählte Vorsitzende Siegfried Jäckle als geistigen Impuls für eine wirklich nachhaltige Zukunft. Ähnlich dem Biolandbau vor wenigen Jahrzehnten, der aber längst den Mächten des Marktes als Marketing dient. Der ebenfalls wiedergewählte Stellver-treter Reimund Kuner aus Schönwald verwies auf die Einsicht, dass am freien Markt sich nur behaupten kann, wer am billigsten ist. Erika Obergfell aus Brigach, die Georg Schätzle aus Langenbach im Vorstand ablöst, betonte, dass wir uns auf das Eigene besinnen sollten statt auf die Politik zu hoffen.

Die Bewegungen der jungen Leute aus den Großstädten waren vor wenigen Jahrzehnten keine Utopie, sondern Realität. Deswegen will das Forum Pro Schwarzwaldbauern aber nicht die Zeit zurückdrehen, sondern die Augen für die Herausforderungen der kommenden Zeit öffnen. Die zunehmenden Trockenzeiten als Folge der Klimaerwärmung und die knapper werdenden Rohstoffe könnten unseren gewohnten Arbeits- und Lebensstil bald in Frage stellen. Statt die Landschaft nur offen zu halten, gilt es, sie als nahrhafte Landschaft vor der Tür wieder zu entdecken. Zumal deren Humus im überbordenden und unser Klima gefährdenden Kohlenstoffkreislauf eine zentrale Rolle spielt. Diese Einsichten will das Forum im laufenden Jahr vertiefen, damit nicht immer Schwarzwaldhöfe im Strukturwandel verschwinden, sondern mehr Bäuerinnen und -bauern  eine  zukunftsfähige Rolle finden.

Ernährungssouveränität beginnt auf unseren Höfen

Unser FreundInnen von der Österreichischen Bergbauernvereinigung ÖBV haben vom 6. – 10. April 2016 eine Exkursion nach Vorarlberg gemacht. Wir haben uns dort getroffen.  Im Zentrum unserer Freundschaft steht das Gegenmodell zur herrschenden neoliberalen Weltmarktlogik, die Ernäh-rungssouveränität. Dieser von der internationalen Kleinbauernorganisation La Via Campesina beim Welternährungsgipfel in Rom 1996 geprägte Begriff haben 400 Expertinnen und Experten im Weltagrarbericht zum Weg aus der  Hungerkrise erklärt. In Vorarlberg trafen wir verschiedene Ausprägungen.

Einerseits beim Urgestein bäuerlicher Souveränität, bei Lucia und Kaspanaze Simma in Andelsbuch im Bregenzerwald. Ohne bäuerliche Vorbelastung hat Lucia ihr einfaches Gutes Leben am Bauernhof gefunden. Und der Freigeist Kaspanaze trotzt dem Mainstream, weil er begriffen hat, dass mit allem was man zukauft, die Region verarmt (siehe auch übernächster Beitrag (Land-) Wirtschaften neu denken auf dieser Seite. Beide verstecken Leben nicht hinter Statussymbolen, wie PS und Hektare, sondern sie leben in Harmonie mit ihrem Garten, ihren Obstbäumen, Wiesen, Alpen, Kühen und Pferden. Kaspanaze nennt dieses Wirtschaften Lebenskräfte einsetzen und wieder herstellen. Damit findet Kaspanaze sogar in großen in Medien Interesse:                   Zeit-online_20.10.14_kaspanaze-simma

Der Naturhautnahhof der Familie Metzler im Nachbarort Egg wirkt äußerlich wie ein Gegensatz. Dennoch zeigt schon die Architektur, dass es kein Mainstreamhof ist. Hört man dann Ingo Metzler, merkt man, dass man es wieder mit einem Freigeist zu tun hat. Vor über 20 Jahren hat er den Wert des Abfallprodukts Molke erkannt und daraus Kosmetikartikel entwickelt, die er heute europaweit verkauft. Doch damit gab er die regionale Bodenhaftung nicht auf, sondern baute sie aus. In neuen Gebäuden hat er Landwirtschaft und Sennerei transparent gemacht, statt sich hinter Gütesiegeln zu verstecken. Er spricht nicht von Hektaren und Tierzahlen, sondern ist stolz auf seine Erzeugnisse. Und die stammen von für jedermann überschaubaren Herden von Ziegen und Kühen sowie von Nachbarn.  Dazu beschäftigt er bald zwei Dutzend Mitarbeiter. Dem aufmerksamen Betrachter nennt er aber auch die Grenzen. So seien Molkenprodukte fast nur überregional absetzbar, weshalb er sowohl im Bregenzerwald, wie mit einer Weinbauregion zu kooperieren versucht. Dass diese eigenständige Entwicklung nicht in die standardisierte Agrarförderung passe, muss er ebenso erleben, wie laufende Kontrollen. Fast könnte man meinen, dass mit der Überschaubarkeit das behördliche Misstrauen wächst. Gerade deshalb ist die Geschichte des Hofes Metzler ein Lehrbeispiel für eigenständige Entwicklung in Richtung Ernährungssouveränität: https://www.molkeprodukte.com/metzler-naturhautnah/naturhautnah-geschichte/

Bäuerlich – Marketingstrategie oder nachhaltige Lebensform?

Obwohl das höflich als Strukturwandel umschriebene Bauernsterben ungebremst weitergeht, sind Gegenmodelle so selten wie das Schaltjahr. Deshalb haben wir beim Aschermittwochsgespräch 2016 die Bäuerliche Ökonomie als Modell für Nach-haltigkeit mit Dr. Josef Hoppichler von der Bundesanstalt für Bergbauernfragen in Wien zum Thema gemacht. Hoppichler hat die Wurzeln der bäuerlichen Ökonomie in der Antike ausgemacht. Denn Aristoteles habe unterschieden zwischen oikonomiké als naturgemäße Erwerbskunde und chrematiké als Erwerbskunde der Handwerker und Krämer. In oikonomiké  sah Aristoteles die besondere Kunst einen Haushalt mit einer vorsorgenden Lagerhaltung zu betreiben. Also nicht Gelderwerb wie bei den Krämern stand im Vordergrund, sondern die Erhaltung des Bauernhofes. Hier ist Hoppichlers Vortrag aus dem Kritischen Agrarbericht zum Nachlesen:   KAB2016_Kap10_283_289_Hoppichler

Mit der Industrialisierung hat das Krämerdenken – das nie genug haben – die bäuerliche Kunst des Haushaltens verdrängt. Engels bezeichnete sie 1894 gar als machtlos veraltete Kleinbetriebe, über die die kapitalistische Großproduktion hinweg gehen wird, wie ein Eisenbahnzug über eine Schubkarre. Hat aber nicht diese kapitalistische landwirt-schaftliche Großproduktion nach den Vorstellungen von Engels und Marx knapp hundert Jahre später zum Niedergang der Sowjetunion beigetragen? Umso verwunderlicher ist es, dass dieser Größenwahn seither im Westen vergöttert wird.

Er hat Bäuerinnen und Bauern in einen Widerspruch gestürzt zwischen ihrer traditionellen Prägung zum Haushalten und der neoliberalen These vom endlosen Wachsen. So ist in dieser Sinnkrise aus der bäuerlichen Selbstausbeutung in Notzeiten häufig eine permanente Überforderung geworden (auch von Boden, Pflanzen und Tieren). Weshalb  immer mehr Wachstumsbetriebe aufgeben, während noch größere Betriebe diese Überforderung mit (billigen) Fremdarbeitskräften zu überwinden versuchen.

Die Agrarpolitik behauptet mit ihren Maßnahmen diesen Strukturwandel abzufedern. In Wirklichkeit belohnt sie mit Ha-Prämien das Wachsen und den Strukturwandel.  Schon mit den ersten Flächenzahlungen, der Ausgleichszulage für Berg- und benachteiligte Gebiete, begann das Krämerdenken um Prämien, indem sich die von der Natur weniger oder nicht Benachteiligten benachteiligt fühlten. An der Bundesanstalt für Bergbauern-fragen wurde diese Problematik früh aufbereitet und in einer überparteilichen Partnerschaft der bis heute einmalige Berghöfekataster entwickelt. Dieser einzelbetrieblich gerechte Ausgleich hat wohl wesentlich zu dem gemäßigten Strukturwandel im österreichischen Bergland beigetragen. Auch zur einheitlichen Betriebsprämie hat diese Bundesanstalt längst einen klaren Vorschlag gemacht. Um ihr den strukturellen Druck zu nehmen, sollte sie nach dem (Standart-) Arbeitsbedarf statt nach Fläche gewährt werden.

Während bäuerlich immer häufiger wie regional und Bio zum Marketingargument der Discounter wird,  kommt auch die Wiederentdeckung der bäuerlichen Ökonomie von außerhalb. Von Menschen, die das Gaukeln mit Labels und idyllischen Bildern satt haben und die wahre Geschichte ihres Essens kennen wollen. Sie setzen diese Utopien um über Gärtnern in der Stadt oder Modelle solidarischer Landwirtschaft mit Bauern. Dabei ist die eigentliche Herausforderung, wie diese Ideen der autonomen Versorgung vor der Vereinnahmung durch die Mächte des Marktes zu schützen sind. Damit es diesen Ansätzen nicht wie dem Biolandbau ergeht, seit er Gewinn verspricht. Genau deshalb sollten wir Hoppichler‘s Aufforderung „Macht euch ein Gutes Leben am Land“ ernst nehmen und  Partner suchen, die nachhaltig und nicht wie Krämer denken.

(Land-) Wirtschaften neu Denken

Der Bregenzerwälder Bauer Kaspanaze Simma hat beim Treffen am 9. Januar 2016 im Reinertonishof in Schönwald Wirtschaft in ein neues Licht gestellt. Schon als junger Freigeist wollte er sich nicht an die moderne kapitalaufwendige Landwirtschaft binden. Mit seiner Frau Lucia und 5 Kindern und  geringem Kapitaleinsatz und Tierbestand führt er ein bäuerliches Leben in Fülle. Dahinter steht seine Einsicht, dass es in der Hauswirtschaft ein Genug gibt, die Geldwirtschaft aber nie genug hat. Impulse für diesen Weg gaben ihm kritische Bücher, wie das 1974 erschienene „Small is beautifull – Die Rückkehr zum menschlichen Maß“ von Ernst Friedrich Schumacher.

Mit diesem Geist engagierte sich Kaspanaze auch in der Politik und wurde als erster grüner Bauer im Vorarlberger Landtag bekannt. Aus diesem Engagement hat er zwei Lehren gezogen: zum einen  musste er das Geld aus seiner Landtagstätigkeit aufwenden um die Zeit zu ersetzen, die ihm am Hof fehlte. So wurde der Bau einer Jauchegrube viel teurer als bei Kollegen, die Zeit für Eigenleistung hatten. Zum anderen musste er erkennen, dass in der Politik eine ökonomische Grundsatzdiskussion keinen  Anklang findet.

Also zog er sich zurück zu Familie, Hof und Dorf. Nicht aber aus Resignation, sondern um Zeit zu haben zum Leben und über unser Wirtschaftssystem nachzudenken. Denn wer sich überlaste, sieht nicht mehr, was links und rechts läuft. Zu dieser Überarbeitung tragen auch Zertifizierungen bei. Den Stier Wirtschaft hat er buchstäblich bei den Hörnern gepackt, um erklären zu können, warum Bauern im Industriesystem trotz allem Fortschritt auf keinen grünen Zweig kommen. So sieht er den aktuellen Bauboom immer größerer Ställe als Gefängnis für Bauern und Tiere. Für die Bauern, weil sie fehlende Zeit durch Geld ersetzen und ihre Lebenskraft zum Abzahlen von Krediten verbrauchen. Für Tiere, weil ihr Futter von der billigen Weide, auch Lebenskraft, nicht mehr reicht und der Futterzukauf wieder Geld kostet. So wird mit dem Fortschritt Arbeit und Einkommen vom Bauernhof in andere Branchen verlagert. Gleichzeitig steigt der Tauschwert der dortigen Arbeitslöhne für Lebensmittel. Und mit der Arbeitssteilung wächst der Verkehr bis schließlich im Industriesystem nur noch sekundäres Wirt-schaften als Wirtschaft wahrgenommen wird. Als echter Grüner fragt Kaspanaze, ist das effizient?

Dennoch will Kaspanaze auf Geld nicht verzichten oder es gar abschaffen, sondern das rechte Maß finden. Lange vor den Postwachstumsökonomen hat er über die Nichtgeldtätigkeiten in Haushalt und Familie nachgedacht. Heute  sieht er Wachstum und Beschäftigung als Symptome von Fremd-bestimmung.  Denn je mehr Nichtgeldtätigkeiten gegen Geldtätigkeiten ausgetauscht werden, umso  abhängiger werden wir. Geld zerrüttet, sagt Kaspanaze. Denn Fremdbestimmung und Abhängigkeit stehen aber im Widerspruch zum  bäuerlichen Sinn.

Auswege sieht Kaspanaze, auch wenn Kostenwahrheit durch eine ökosoziale Steuerreform nicht in Sicht ist. Weil der Einsatz von Fremdenergie die Lebenskräfte verkümmern lassen hat, sieht er die Zukunftsaufgabe der Landwirtschaft in der effizienten Umwandlung von Sonnenenergie. Deshalb heißt Wirtschaften für Kaspanaze LEBENSKRÄFTE einsetzen und LEBENSKRÄFTE wieder herstellen!   Die Primärproduktion Landwirtschaft nimmt damit einen neuen wirtschaftlichen Stellenwert ein. Lust darauf machte Kaspanaze mit Beispielen aus seinem Leben. Die Lebenskräfte können wir alle besser nutzen und wiederherstellen, wenn wir:

  • Unser Arbeits- und Kapitalvolumen verringern
  • Mittlere Technologien einsetzen
  • Infrastruktur verkleinern zugunsten der Nahversorgung
  • Mehr Selbstversorgung statt Fremdversorgung wagen