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Rückblick Aschermittwoch 13.02.2002

Beim Rückblick auf unser Aschermittwochsgespräch vor 20 Jahren wächst das Gefühl, dass der Zeitgeist blind ist. Hatte doch die UNO das Jahr 2002 zum Int. Jahr der Berge erklärt, um den Sinn der Berge wieder bewusst zu machen. Wir hatten deshalb zum Aschermittwochsgespräch 2002 den Alpenrebell genannten Bergbauer, Volkskundler und  Schriftsteller Dr. Hans Haid eingeladen. Seine Kernbotschaft war „Erst geht die Kuh, dann die Kultur“.  Weshalb er die Kulturinitiative Pro Vita Alpina gegründet hat, die uns schon zuvor Impulse gegeben hat, wie das Pro in unserem Namen. Der Volkskundler Hans Haid hat nicht nur das alte Leben in den Bergen in unzähligen Büchern, Gedichten und Romanen dokumentiert und als Schriftsteller die Entwicklung des Massentourismus in seinem Ötztal zwischen Schneekanonen und Transitlawinen poetisch bloßstellt, als Bergbauer hat er eine Vision vom Neuen Leben in den Bergen verfolgt. Wo ist die heute?

Mut, Witz und Widerstand war dabei Hans Haid’s Motto. Am 5. Februar 2019 ist er mit 81 Jahren gestorben. Im Rückblick war Hans Haid einer der wenigen Vordenker für die Berge. Viele von ihm kritisierten und beschriebenen Entwicklungen erleben wir auch im Schwarzwald. Deshalb erinnern wir an Hans Haid‘s  Kernaussagen am Aschermittwoch 2002 zum immer noch aktuellen Thema:         

Neues Leben in den Bergen – mit Mut, Witz und Widerstand!

Neues Leben hieß für Hans Haid Engagieren fürs Überleben in seinem Heimattal,  Gemeinsamkeiten mit anderen Tälern und Bergregionen suchen und miteinander Saatgut fürs Neue Leben streuen. Eigentlich wäre das EU-konforme ländliche Entwicklung, wie sie sein Tiroler Freund Franz Fischler als EU-Agrarkommissar als zweite Säule in der EU-Agrarpolitik eingerichtet hat. Doch Politik und Agrarlobby sehen ländliche Entwicklung immer noch auf Produktion reduziert, verbinden sich mit Förderung die Augen vor der Multifunktion und machen Bauern und Bäuerinnen zu Karikaturen nach dem Motto: „Sag vergelt’s Gott und halt‘s Maul„. Hans Haid hat dieses Verhalten endlos poetisch bloßgestellt, um das Pro für das Neue Leben in den Bergen nicht weiter zu verschlafen.   

Vita in seiner Organisation steht für lebendige Kultur, wie sie in authentischen Mythen und Sagen belegt ist. Lebendige Kultur ist in erster Linie bebauen, also Agrikultur und nicht folkloristische Verklärung.  Die Agrikultur hat Berggebiete nicht nur zu Kulturlandschaften gemacht, sondern den Menschen auch kulturelle Identität gestiftet. Bis heute ausdauernde Zeugen sind die erfolgreichen regionalen Käsemarken in Frankreich mit ihrem Motto: eine Region – eine Rasse – ein Produkt.

Alpina steht für den Naturraum  Alpen, der aber kein Einheitsraum ist. Denn Talschaften  haben sich mit den vorgelagerten Ebenen unterschiedlich entwickelt. So sei im Piemont zu beobachten, wie frustrierte Arbeiter aus den Industriezentren der Poebene wieder in die entvölkerten Berge zurückkehren.  Oder wie die Wintersport-zentren im oberen Ötztal oder dem Val de Isere vom Tourismus überfremdet werden. In der Alpenkonvention seien diese kulturellen Probleme erkannt, nur die Politik müsste mitziehen, hängt aber am alten Wachstumsdenken als Verursacher.  

Mut, Witz und Widerstand sind deshalb Hans Haid’s Antrieb neue Bergkultur:  

Mut braucht es die Unkultur der als Kulisse benutzen Berge zu erkennen und zu nennen. Denn Marketing mache noch kein Neues Leben., es brauche ein Produkt, das Erzeugung, Verarbeitung, Verkauf und Konsum vernetzt. Worum eigentlich überlebende Pilotprojekte oft als Opposition außerhalb des politischen Systems entstehen. Besonders schwierig sei die  Vernetzung mit dem Tourismus, weil er immer weniger in der Hand Einheimischer mit kultureller Identität sei.                                                                                          

Ein Witz war für Hans Haid der Kult um die Landschaft, samt der Förderung von kosmetischen Versatzstücken. Vielmehr verhindere solches Denken effektiv die Entwicklung Neuen Lebens, indem es recht gemeinte Programme wie LEADER oder Naturparke nur zu Kosmetik nutze.                                                                                         

Widerstand begleitete Hans Haid in den Alpen immer häufiger gegen Großprojekte wie Wasserkraftwerke oder den wachsenden Transitverkehr. Aber auch Skandale der Fremdversorgung, wie BSE fördern Widerstand. Änderungen würden Proteste jedoch erst anbahnen, wenn primär das Gestalten zum Ziel wird.  

Gestalten brauche eine Vision. Biolandwirtschaft  und Direktvermarktung sah Hans Haid als Teile für das Neue Leben in den Bergen, die Wurzeln der Vision müssen jedoch die eigene Kultur sein, im Sinne von kultivieren statt konservieren.  Damit die Vision zur Chance der Bergbauern wird, nannte Hands Haid als Voraussetzung:   

wachsen nur mit unverwechselbaren Qualitäten + Identifikation mit der eigenen Kulturlandschaft + Definition mit dem regionalen Kulturerbe + vernetzen mit Gleichgesinnten in der Region.    

Als Beispiel hat uns Hans Haid stolz auf das Tiroler Grauvieh aufmerksam gemacht. Diese kleine Rinderasse war vom Aussterben bedroht, weil der erst Absatz von Zugochsen und dann von Jungkühen ins Tal weggebrohen war, weil sie im globalen Leistungswettbewerb nicht mithalten konnten. Dem Präsidenten des Zuchtverbandes, einem Hotelier und dem Zuchtleiter, beides Ötztaler, ist die Vernetzung mit einem Traditionsmetzer in Innsbruck gelungen. Vor bald 30 Jahren haben sie den Tiroler Almochsen wieder aufleben lassen, von dem alle im Netzwerk profitieren. Die  Bergbauern mit sicherem Absatz, der Zuchtverband als Logistiker, der Metzger mit einem Unikat und die Rasse in Reinzucht, weil das Projekt sie vom Leistungswettbewerb abgehalten hat. Wir haben das Projekt vor Jahren besucht. Es nimmt seit bald 30 Jahren von über 300 Bauern in den Tiroler Bergtälern jede Woche etwa 10 Ochsen ab.

Um die Philosophie dieses Erfolgsbeispiels regionaler Entwicklung mit kultureller Identität besser zu verstehen, verweisen wir auf den leicht verständlichen und wunderschönen Bildband „Grauvieh Tirol“. Er kann bestellt werden unter:  https://www.tiroler-grauvieh.at/grauvieh-buch/die-idee.html

Rückblick Aschermittwoch 13.02.2002
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