Die Altäre der Lügen müssen zertrümmert werden!

Mit diesem Zitat von Justus von Liebig lässt sich unsere Tätigkeit beschreiben, über die wir bei der Mitgliederversammlung am 9. Mai 2018 berichtet und beraten haben. Denn die Berichte über und von der Landwirtschaft  verbreiten zunehmend Halbwissen, wie es Liebig anprangerte, als seine Erkenntnis des Nährstoffentzugs der Pflanzen ohne Kenntnisse um Boden und Ernährung in der damals wirtschaftslibaralen Zeit einfach durch Import von Chilesalpeter umgesetzt wurde. In der heutigen neoliberalen Zeit, ist es der Glaube an endloses Wirtschaftswachstum, der die Tretmühle des Wachsen und Weichen ankurbelt und in der an Grenzstandorten wie im Schwarzwald Bauer um Bauer weichen muss.

Diese verschleierten Altäre des Glaubens an endloses Wachstum hat Prof. Niko Paech beim Aschermittwochsgespräch 2017 aufgedeckt. Dabei hat er auch den Green Deal als Gewissensberuhigung und Ablasshandel für das Weiter so bezeichnet. Nämlich, weil es keine nachhaltigen Produkte gäbe, sondern nur einen nachhaltigen Lebensstil. Als deutscher Vordenker der internationalen Degrowth-oder Postwachstumsbewegung hat Niko Paech einen Dreisprung für einen angepassten Lebensstil aufgezeigt:

  1. Mit Rücksicht auf Klima, Ressourcen und Umwelt müssen die langen (globalen) Produktions- und Versorgungsketten auf Luxusgüter schrumpfen!
  2. Damit wird auch der Umfang der Erwerbsarbeit schrumpfen zugunsten sinnstiftender Eigenarbeit.
  3. Lokal und regional müssen kurze Produktions- und Versorgungsketten als Kultur der Nähe  gestaltet werden.

Niko Paech hat damit unserem Motto Kulturwandel statt Strukturwandel einen klaren Wegweiser gegeben. Beim Erntedankgespräch ergänzte Markus Bogner vom Tegernsee, wie der Bauernhof durch selber denken und machen zum Ort der Gestaltung für einen nachhaltigen Lebensstil werden kann. Und bei der Infotour zur Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall demonstrierte uns Rudolf Bühler, dass regionale Vermarktung mehr Bodenhaftung statt Marketing braucht. Schließlich brachte Jakob Weiss es beim internationalen Tag der Berge auf den Punkt, dass die Schlagworte von  Marketing und Politik unser Vorstellungsvermögen einengen. Der Wandel zu einer nachhaltigen Kultur also bei der Sprache beginnen muss.

Damit wurde mehrfach bestätigt, dass der Name des Forum Pro Schwarzwaldbauern Programm ist:                                                                                                                    Forum als Ort, wo die Sprache geübt werden kann, indem Fragen der Berglandwirtschaft gestellt und unabhängig Antworten gesucht werden.                         Pro als Entwicklung, deren Erfolg nicht, wie heute, an weniger Bauern gemessen wird, sondern am Guten Leben für Alle.                                                           Schwarzwaldbauern als Lebensform im Sinne eines nachhaltigen Lebensstils, statt im herrschenden Preis- und Qualitätswettbewerb als Grenzertragsstandort zum Wachsen und Weichen gezwungen sein.

Eine zentrale Aufgabe auf diesem Weg ist die Bodenhaftung wieder zu finden, die mit der Globalisierung aller Lebensbereiche zur Idylle verkümmert ist. Wenn sich die Geschichte auch nicht wiederholt, kann man daraus lernen, wie die Vorfahren auf und mit ihrem Boden erfolgreich oder erfolglos gelebt haben. Darüber berichtete Frieder Wolber aus der gerade erschienenen Chronik der Kinzigtalgemeinde Lehengericht bei Schiltach.

Durch das Kinzigtal hatten die Römer schon eine Straße angelegt. Doch die Besiedelung des Schwarzwaldes begann erst im Mittelalter mit der Gründung von Klöstern, im oberen  Kinzigtal Alpirsbach. Nach und nach übernahm der Adel die Herrschaft und legte den freien Lehensbauern Abgaben und Fronen auf. Dazu mussten sie den Wäldern immer mehr Flächen für Wiesen und Äcker abtrotzen. Mit dem Bedarf an Holz für Holzkohle und dem Fernhandel mit Flößen wurde der Wald weiter zurückgedrängt. Durch Beweidung entstanden große, aber karge und mit Gebüsch und Sträuchern durchwachsene Weidberge. An Steillagen wurden diese sie streifenweise alle 20 bis 30 Jahre  als Reute abgebrannt und zur Roggeneinsaat genutzt. Der so von den Bauern genutzte Boden lieferte ihnen und ihren Zugtieren Nahrung, Natural-abgaben an die Obrigkeit sowie Flachs, Hanf und Wolle für Kleidung. In diesem Kampf ums Überleben wurden oft kleine Gütle und Tagelöhneranwesen von den Urhöfen abgetrennt und immer wieder wechselten Anwesen den Besitzer, oft mehrmals hintereinander. Dazu wurde sogar nach Bodenschätzen gesucht, wie Frieder Wolber erforscht hat.

Mit der Flößerei auf der Kinzig begann der Streit um die Wertschöpfung dieses Handels. Dazu wurde mit Kapital wohlhabender Bürger, die Anteilsscheine als eine Form frühen Glücksspiels erwarben, zuerst der Bergbau und später die ersten Fabriken finanziert. Denn auch die weitere Entwicklung folgte dem Wasser, das Bauern zuerst für Mühlen und Sägen nutzen und ab Mitte des 19. Jahrhunderts Grundlage für die ersten Fabriken war. In Schiltach führte das 1817 sogar zur Abspaltung der Höfe von der Stadt Schiltach, die sich der früheren Gemeinderolle entsprechend nun Lehen-gericht nannte. Dieses Leben unserer Vorfahren war keineswegs romantisch und verklärt, sondern aus heutiger Sicht hart und entbehrungsreich. Zudem war das Verhältnis zwischen Landesherrschaft, Herrenbauern, Knechten und Mägden, Gütlern und Tagelöhner voller Spannungen, die in Notzeiten zu Auswanderungen führten. Doch auch der Wachstumswahn endete oft im eigenen Ruin. Die von unserer Vorfahren geschaffene Kulturlandschaft ist heute sehr gefährdet, weil alles zum Leben billig und jederzeit zu kaufen ist. Dass damit die Lebensqualität der gesamten Region und nicht nur für den Fremdenverkehr schwindet, dämmert allmählich. Doch dafür sind noch einige Altäre der Lügen zu zertrümmern.