Kapieren statt Kopieren

Unsere Infotour am 20. Oktober 2017 führte zur Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH). Schwarzwaldbäuerinnen und -bauern vom Wiesental bis zum Murgtal wollten wissen, warum dort gelungen ist, was im Schwarzwald immer wieder scheitert. So wirkte es fast wie ein Wunder, was der Gründer und Hohenloher Bauer Rudolf Bühler über Geschichte und Strategie erklärte. Die Anfänge liegen in den achtziger Jahren, als der studierte Agrarsoziologe aus der Entwicklungshilfe aus Afrika auf den elterlichen Hof in Hohenlohe zurückgekommen ist und sah, wie die bewährte Schwäbisch Hällische Schweinerasse vom modernen Einheitsschwein fast verdrängt war. Denn in Afrika hatte er die Erfahrung gemacht, dass lokale Rassen für die Entwicklung wertvoller sind als moderne Einheitsrassen. Also suchte er die letzten schwarzweisen Hällischen Schweine im Land zusammen und gründete mit acht Bauern eine Züchtervereinigung. Weil die  Rasse aber offiziell als ausgestorben erklärt war, musste er 13 Jahre um die Anerkennung seiner neuen Züchtervereinigung kämpfen. Dabei ist ihm klar geworden, dass es nicht genügt, die Rasse zu erhalten, sondern deren besondere Qualität einen unabhängigen Absatzweg braucht. Also gründete er dazu 1988 wieder mit acht Bauern die bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall. Deren Konzept mit regionalem Qualitätsfleisch fand gleich auch die Anerkennung der EU als geschützte geografische Marke.

Ein Meilenstein zum Durchbruch war die Übernahme des kommunalen Schlachthofes in Schwäbisch Hall, der, weil unrentabel, geschlossen werden sollte. Mit einem klugen politischen und ökonomischen Konzept ist es den Hohenloher Bauern gelungen, den Schlachthof als bäuerliche AG  zu übernehmen und zu sanieren. Um die Wertschöp-fung voll in bäuerliche Hand zu bekommen, wurde er um eine Wurstmanufaktur ergänzt, die nach dem Reinheitsgebot arbeitet. Und um den Mitgliedern nicht nur Schweine vermarkten zu können, wurde das Programm erweitert mit Rindern unter der traditionellen Marke Beef de Hohenlohe und Schafe sowie um eine von der Schließung bedrohte Dorfkäserei.

Kunden sind vorrangig Fachmetzgereien und Gastronomen in ganz Süddeutschland sowie sieben eigene Regionalmärkte, der jüngste sogar in Berlin. Alles unter dem Symbol der Schwäbisch Hällischen Schweine.  Jetzt wollen wir nicht mehr weiter wachsen, erklärte Rudolf Bühler, sondern die Wertschöpfung in der Region Hohenlohe weiter vertiefen. Den Konsumentenwunsch nach gesunden Lebensmitteln mit fairen Preisen für unsere Bauern verknüpfen. Dazu müssen wir uns, wie einst vom Feudaladel jetzt vom Konzernadel befreien, ist seine kämpferische Devise, die ihm bei der UNO einen Sitz für Bauernrechte gebracht hat.

Damit die BESH noch bekannter wird, ist der unmittelbar an der Autobahn gelegene Regionalmarkt in Wolpertshausen mit seinem  Mohrenköpfle-Restaurant inzwischen ein touristischer Geheimtipp. Dafür ist ein eigener Reiseführer angestellt. Nach demselben Modell hat Rudolf Bühler in Indien und Sansibar Bäuerliche Erzeugergemeinschaften  aufgebaut, die Gewürze für die Schwäbisch Hällische Wurst anbauen, die in Hohenlohe nicht gedeihen. Aber auch in Hohenlohe baut die BESH neues auf, aktuell  Eichel-schweinemast  sowie Hohenloher Gewürzpflanzen.

Solidarisches Wirtschaften nennt Rudolf Bühler die Philosophie der BESH. das erklärt auch den offenen Umgang mit dem Geschäftsmodell, das sich längst zu einer Unternehmensgruppe von Schweinezucht bis zu einem Bildungshaus entwickelt hat. Oft wurde das Projekt zu kopieren versucht, aber diese Versuche hatten kaum Bestand. Dennoch ist die BESH ein Modell für kurze, regionale Kreisläufe wie sie der Post-wachstumsökonom Niko Paech vorschlägt. Dazu sollte man kapieren, dass

  • der Erfolg der BESH aus einer Verknüpfung von regionaler Bodenhaftung mit Erfahrung in Entwicklungsprozessen und großer Kompetenz in wirtschaftlichen und rechtlichen Zusammenhängen ist.
  • das Schwäbisch Hällische Schwein sowie Beef de Hohenlohe als Symbole der BESH eine klare Verbindung herstellen.
  • man dort nur von “der Bäuerlichen“  redet, wodurch die Bauern im Zentrum stehen und sich nicht benutzt fühlen.
  • die Organisation als Verein und kleine AG’s demokratisch und unabhängig ist.
  • zum Aufbau derartiger Entwicklungen mit besonderen Qualitäten die Speckgürtel in den urbanen Zentren genutzt werden müssen.
  • das Wichtigste aber ist, dass der erfolgreiche Projektverlauf nicht angeordnet werden kann, sondern sich Akteure mit Visionen und Geduld finden, denen gemeinsame Werte wichtiger sind als kurzfristige Vorteile.

Mehr noch: www.besh.de

 

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