Die Schwächsten sind der Maßstab für die Gerechtigkeit

logo_EN_1_200_02Zum Internationalen Tag der Berge haben wir uns im Schwanen auf dem Fohrenbühl getroffen. Gesprächspartner war der Schweizer Agrarökologe Dr. Andreas Bosshard von der Denkwerkstatt Zukunft Landwirtschaft in Oberwil bei Zürich. Er brachte zum Motto des von der UNO ausgerufenen Int. Tag der Berge,  Vielfalt und Identität der Bergkulturen stärken, passende Erkenntnisse mit. Die unabhängige Denkwerksatt hat die Zusammenhänge von Arten- und Bauernsterben erforscht und die Fehlanreize in den agrarpolitischen Rahmenbedingungen erkannt. Für Schwarzwaldbauern eine Überraschung, weil sie doch glauben, dass in der Schweiz die Bauern besser unterstützt würden als in der EU. Bosshard klärte auf, dass die Bedeutung der Landwirtschaft zwar über eine Volksabstimmung in der Schweizer Verfassung festgeschrieben sei, die Agrarpolitik diese Ziele aber noch verfehle. Deshalb hätten einige Fachleute die Vision Landwirtschaft gegründet, um die notwendigen Korrekturen im Sinne der Verfassung vorzuschlagen. Der Vorstand des Forum, Siegfried Jäckle, ergänzte, dass die Schweizer Agrarpolitik für agrarpolitische Entscheidungen in der Europäischen Union immer Vorbote gewesen sei, und ihre Nachwirkungen deshalb in die  bereits anlaufende Diskussion um die Europäische Agrarpolitik nach 2020 eingebracht werden sollten.

Die zweite Überraschung war, dass der Ökologe Bosshard keine Verbesserung der ökologische Fördermaßnahmen fordert, sondern eine gerechtere Verteilung der Basisförderung zwischen Tal und Berg. Denn man könne Naturschutz betreiben, soviel man will, aber die Arten nähmen ebenso ab wie die Wertschöpfung der Landwirtschaft. Das einzige was wachse, sei die Traktorendichte, die mit Gewichten bis über zehn Tonnen die Böden verdichten und der biologischen Vielfalt schaden. Schuld sei das agrarpolitische Fördersystem, das eine Hochleistungslandwirtschaft fördere, die auf Futtermittelimporte aufbaut und mit Überschüssen am Markt sich selbst ebenso schadet, wie über Nährstoffüberschüsse den Seen, dem Grundwasser und der Biodiversität. Vision Landwirtschaft hat diese Zusammenhänge in einem Weissbuch zusammengefasst, das in der aktuellen Schweizer Agrarförderung erste Spuren hinterlassen habe.

Für die Schlussfolgerungen habe Vision Landwirtschaft auf einen Bergbauern gehört. Er habe erklärt, je mehr steile Flächen er mähen müsse, umso weniger könne er wachsen um genug Förderung zum Überleben zu bekommen. Diese Meinung hätten sie wissenschaftlich bestätigt, dass mit zunehmendem Steillandanteil die bewirtschaftbare Fläche pro Familie ebenso abnimmt wie das Einkommen und die Summe der Direktzahlungen. Daraus sei der zentrale Vorschlag von Vision Landwirtschaft entstanden, den Anteil bewirtschafteter Steillagen pro Hof bei der Förderung zu berücksichtigen. Das Schweizer Parlament habe diesen Vorschlag ohne Unterstützung der klassischen Agrarvertreter angenommen. Die Umsetzung zeige in den Bergen bereits erste Erfolge in der Abnahme der Verbuschung und weniger Hofaufgaben.

In diesen Einsichten sieht sich das Forum Pro Schwarzwaldbauern bestätigt. Denn hierzulande sei eine schleichende Spaltung zwischen Landwirtschaft und Landschaftspflege nicht mehr zu übersehen, stellte Siegfried Jäckle fest. Doch für das Forum ist Landbewirtschaftung immer multifunktional oder wie es Bosshard formuliert, Brot und Blumen sind kein Gegensatz. Deshalb habe das Forum für die Umsetzung der jüngsten Agrarreform in Baden-Württemberg vorgeschlagen, die Ausgleichszulage für Berg- und benachteiligte Gebiete nach Steillagenanteil zu staffeln. Gestaffelt wurde zwar nach veralteten Bodenwerten, aber (noch) nicht nach Steillagenanteil. Vor Jahren schon habe das Forum vorgeschlagen, die einheitliche Betriebsprämie in der EU nach Standortunterschieden zu staffeln. Diese Möglichkeit sei sogar in den aktuellen EU-Beschlüsse aufgenommen, in Deutschland aber nicht umgesetzt worden. In der Diskussion wurde deutlich, dass Zahlungen für öffentliche Leistungen nur die eine Hälfte der Zukunft der Schwarzwaldbauern sind, die Wertschätzung und -schöpfung ihrer Erzeugnisse ebenso wichtig sei. Dazu kündigte der stellvertretende Vorstand  Reimund Kuner weitere Impulse im nächsten Jahr an und fasste das Treffen  zusammen mit dem Zitat von Margot Käßmann in der Überschrift.