Ernte neu entdecken – Zukunft für Schwarzwaldbauern

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Zum Erntedankgespräch 2017 hatten wir den Bauer und Buchautor Markus Bogner vom Tegernsee eingeladen. Denn die Thesen in seinem Buch sind im Sinne unserer Vision einer Postwachstumsökono-mie. Ernten neu denken heißt für Markus Bogner, unser Wirtschafts-system verstehen, das aus der Ernte nur noch Geld zu machen versucht. Doch die Ernte … Weiterlesen

Danken kommt von Denken,

war eine der Botschaften von Pfarrer Franz Wehrle beim Erntedankgespräch am 6. Oktober 2016 in Schönenbach. Daraus ergibt sich die Antwort auf die Frage, wieso Erntedank in Zeiten voller Supermärkte nur noch Event ist? Denn danken kann man nur für das, was in den Gedanken vorkommt. Von der Ernte sind aber die meisten Menschen entfremdet. Bilder von immer größeren Erntemaschinen schrecken eher ab. Dazu kommt, dass immer mehr Menschen keine Zeit mehr zur Nahrungszubereitung haben oder sich nehmen. Der Bezug zur Ernte unserer Lebensmittel  ist also geschwunden und damit auch das Bewusstsein für die Anfälligkeit unseres Versorgungssystems, das in Händen weniger Konzerne liegt.

Dennoch ist Erntedank in allen Religionen ein Fest und wird auch außerhalb der Kirche als Kirchweih oder Heugaus kulturell gefeiert. Erntedank existiert also im Unter-bewusstsein. Die Bibel unterscheide zwischen schaffen und arbeiten. Die katholische Kirche hat deshalb die Ernte konkretisiert als Früchte der Erde und Arbeit der Menschen, was zusammen Kultur ergäbe. Denn die Erde gebe genug und Hunger entstehe immer dort wo es Konflikte gibt. Diese Konflikte haben oft damit zu tun, dass wir über unsere Verhältnisse und auf Kosten anderer leben. Es sei verrückt, was alles um die Welt gefahren wird.

Der im Bregtal aufgewachsene und heute als Pfarrer in der Stadt wirkende Pfarrer Wehrle wagte einen Blick von aus der Stadt auf die Entwicklung am Land und fragte, wieso die immer größeren Traktoren so sehr als Statussymbol gepflegt würden, aber die Bauern nicht mehr über das Wachsen in der Natur staunen. Die Naturwissenschaft täte nichts anderes, als diese Wunder der Natur zu verstehen und sie technisch nachzubauen. Und er fragte auch, warum wir Kraftfutter verfüttern, das doch das Brot der dritten Welt ist. Dieses Wirtschaften auf Kosten anderer gefährde die Solidarität weltweit, wie auch unter den Bauern. Einen Grund sah der Pfarrer darin, dass der Arbeitsrhythmus durcheinander gekommen sei und der 7. Tag, der Sonntag, nicht mehr dem Ruhen diene. Das Erntedankfest als Parallele im Jahreslauf mahne zur Überschaubarkeit von Saat und Ernte. Regional also weniger als Marketing, sondern mehr als risikominimierendes Handeln.

 

Ernten und Danken

Um der Wachstumsfalle zu entkommen, sollte auch die Landwirtschaft diese bäuerlichen Grundwerte wieder lernen, rät der Ethiker Thomas Gröbly. Beim Erntedankgespräch am 25.September 2015 erklärte er, wie aus Ernten und Essen ein großes, gewalttätiges Geschäft entstanden ist, das von Wenigen kontrolliert wird. Frei ist in diesem neoliberalen System nur, wer im Handel die größte Macht hat. Der globale Agrarfreihandel also ein  Etikettenschwindel. Der ideale Konsument in diesem System ist der, der alles kaufen muss, also abhängig ist. Diese Art von Marktwirtschaft setzt nicht nur Bauern unter Druck, sondern Natur, Forschung, Demokratie und arme Länder ebenso.

Wachstum ist das Credo (Glaubensbekenntnis) dieses Systems, das auch die Landwirtschaft voll im Griff hat. Doch die Steigerung der Produktivität führt über mehr Menge zu Preisdruck und in die Wachstumsfalle, im Volksmund Wachsen und Weichen. Effizienz heißt deshalb das neue Schlagwort,  was heißt, dass mit weniger Input (an Ressourcen) das Wachstum gesichert werden soll. Aber auch diese Rechnung geht nicht auf, weil mehr neue (grüne) Produkte wiederum zu mehr Ressourcenverbrauch (neudeutsch Reboundeffekt) und Preisdruck führen. Beispielsweise stecken Biolandbau wie Energiewende an dieser Stelle in der Wachstumsfalle.

Der Ausweg aus der Wachstumsfalle, beginnt nach Thomas Gröbly mit der Akzeptanz unserer  beschränkten Ressourcen. Die wichtigste Ressource ist der Boden, von dem wir unsere Nahrung ernten. Ist die Trockenheit in den letzten Monaten eine Warnung? Oder auch die neue Völkerwanderung? Im Interesse unserer Welt bleibt nichts anderes üblich, die gewalttätigen Konzepte der Produktivität und Effizienz durch Suffizienz abzulösen. Suffizienz bedeutet Entschleunigung und Entkommerzialisierung oder ein  Lebensstil mit dem rechten Maß. Der Trend zum lokalen Essen darf also nicht Werbung im globalen Handel bleiben. Für diesen Zukunftsweg sieht Thomas Gröbly Hoffnung in den Bewegungen aus den Städten vom Gärtnern bis zu vielen neuen Formen sozialer Landwirtschaft, der dem Ernten neue Wertschätzung gibt. Für uns in den Bergen, wo wir im globalen Handel ohnehin nie wettbewerbsfähig sind, die Herausforderung neue suffiziente Lebensstile mitzugestalten.

Ernten und Danken neu denken

Erntedank hat mit den Supermärkten, in denen es bald rund um die Uhr fmedia_media_a01425b5-e79b-4a9f-8e29-972b04767864_bigthumbnailast alles billig zu kaufen gibt, seinen Sinn verloren. Der gleiche Zeitgeist sehnt sich jedoch nach der bunten Landschaft, wie sie zuvor war. Um diesen Widerspruch drehte sich unser Erntedankgespräch 2014 auf dem Spittelhof mit dem Landschaftsökologen Dr. Michael Machatschek aus Hermagor in Kärnten. Bei einem Rundgang vom Hof bis zum Waldrand vorbei an Garten, Feld, Wiesen und Weiden machte Michael Machatschek auf allerlei Pflanzen aufmerksam, die wir kaum noch achten, oft sogar als lästige Unkräuter verachten. Michael Machtschek hat die Pflanzen der einstigen Kulturlandschaft erforscht  und in Büchern wie Laubgeschichten oder Nahrhafte Landschaft festgehalten.  Ihm geht es dabei nicht um Romantik und auch nicht um neue Geschäftsideen, sondern um das Erfahrungswissen aus der Art der Landnutzung. Als ehemaliger Älpler sieht er in der Vegetation immer auch Zeichen der Bodenfruchtbarkeit.

Die Nahrhafte Landschaft als Gegenmodell zur Supermarktmentalität ist ein gemeinsames Anliegen. Wildkräuter als nahrhaftes Gemüse oder als Würze als Alternative zum fremdbestimmten Geschmack?! Weidetiere machen es uns vor, wenn sie lieber unterm Zaum fressen oder an Hecken naschen, statt auf der fetten Weide grasen. Fürs selbst Geerntete macht auch Danken wieder Sinn. Da dieses subsistente (eigenmächtige) Handeln zudem auch Freude bereitet, könnte es Triebkraft zu einem nachhaltigen Lebensstil werden.